KI-Buchhaltung
Finmatics oder Tess: Zwei Wege zur automatischen Buchung
Wo Finmatics als Vorsystem mit veröffentlichten Preisen und sechs Zielsystemen steht, wo Tess als Agent im Bestand arbeitet, und welche Kanzlei welche Bauform braucht.
Auf den Punkt
Finmatics ist ein etabliertes Vorsystem aus Wien, gehört zur Visma-Gruppe, veröffentlicht seine Preise und bindet neben der DATEV fünf weitere Zielsysteme an. Tess der Countful GmbH aus München arbeitet als Agent im vorhandenen Bestand, setzt bei der Bankanbindung an, ziffert offene Posten aus und lässt die Kanzlei in DATEV-Rechnungswesen korrigieren. Der Vergleich entscheidet sich an drei Punkten: der Systemlandschaft, dem Ort der Korrektur und der Frage, ob eine Preisliste für die Vorauswahl gebraucht wird.
Beide Anbieter automatisieren die Buchhaltung für Kanzleien, unterscheiden sich aber in Herkunft, Bauform und Umgang mit Preisen so deutlich, dass die Wahl selten knapp ausfällt. Sie hängt an der Frage, wie die Kanzlei arbeiten will.
Zwei Herkünfte, zwei Bauformen
Finmatics kommt aus Wien und gehört zur Visma-Gruppe. Das System ist ein Vorsystem im klassischen Sinn: Belege werden in einer eigenen Oberfläche verarbeitet, geprüft und als Buchungsvorschlag an das Zielsystem übergeben. Laut Anbieter liegt ein Schwerpunkt auf aufteilungsbedürftigen Belegen, dazu kommt ein Trainingsbereich für die Kanzlei.
Tess wird von der Countful GmbH aus München entwickelt und tritt als KI-Agent auf, der in bestehenden Buchhaltungsbeständen mitarbeitet. Der Anbieter wirbt damit, dass keine neue Buchungsmaske gelernt wird und Korrekturen ausschließlich in DATEV-Rechnungswesen erfolgen, woraus das System lernt. Der Einstieg erfolgt über die Anbindung der Bankkonten.
Wo sie sich unterscheiden
| Kriterium | Finmatics | Tess |
|---|---|---|
| Herkunft | Wien, Teil der Visma-Gruppe | Countful GmbH, München |
| Bauform | Vorsystem mit eigener Oberfläche | Agent im vorhandenen Bestand |
| Schwerpunkt | Splitbuchungen und komplexe Aufteilungen | offene Posten, Zahlungen, Verrechnungskonten |
| Einstieg | Belegstrecke | Bankanbindung laut Anbieter |
| Korrekturen | im Vorsystem vor der Übergabe | im Zielsystem laut Anbieter |
| Anlernen | Trainingscenter laut Anbieter | aus laufenden Korrekturen laut Anbieter |
| Verrechnungskonten 1370 und 1590 | nicht gesondert beworben | ausdrücklich beworben |
| Fehlende Belege | über den Belegeingang | Nachhaken und Dublettenprüfung laut Anbieter |
| Zielsysteme | DATEV, BMD, Agenda, RZL, SAP, Microsoft BC | DATEV |
| Hosting | Europa | Deutschland und Europa, Microsoft Azure laut Anbieter |
| Preise öffentlich | ja, 750 bis 1.200 Euro monatlich | nein |
| Setup-Gebühr | 1.990 Euro laut Preisliste | nicht ausgewiesen |
Die drei Unterschiede, die tatsächlich zählen
Die Systemlandschaft. Finmatics bindet sechs Zielsysteme an, Tess konzentriert sich auf die DATEV. Für eine reine DATEV-Kanzlei ist die Breite kein Vorteil, sondern nicht genutzter Umfang. Für eine Kanzlei mit Mandaten in Österreich, mit BMD im Bestand oder mit größeren Mandanten auf einem ERP-System ist sie das entscheidende Kriterium.
Der Ort der Korrektur. Ein Vorsystem erzeugt einen zusätzlichen Arbeitsplatz mit klarer Prüfstelle vor der Übergabe. Ein Agent spart diesen Arbeitsplatz und verlagert die Kontrolle in den laufenden Bestand. Beides funktioniert, verlangt aber unterschiedliche Disziplin: einmal die Bereitschaft, in zwei Programmen zu arbeiten, einmal klare Regeln dafür, was selbstständig geschehen darf.
Die Preistransparenz. Finmatics nennt Zahlen, Tess nicht. Das ist kein Qualitätsurteil, verändert aber die Vorauswahl. Bei einem Anbieter lässt sich vor dem ersten Gespräch rechnen, beim anderen nicht.
Was die veröffentlichte Preisliste als Maßstab taugt
Die Zahlen von Finmatics eignen sich als Bezugsgröße für beide, weil sie eine Rechnung erlauben, die auch für ein Angebot ohne Preisliste gilt.
Das Basispaket kostet laut Preisliste 750 Euro monatlich bei Jahreszahlung und enthält 3.000 Buchungszeilen, was rechnerisch rund 25 Cent je Zeile ergibt. Bei 1.000 Zeilen sind es 75 Cent, weil die Grundlast unabhängig von der Menge anfällt.
Dazu kommen die Zusatzoptionen für Bankabgleich und Belegtransfer sowie das einmalige Onboarding von 1.990 Euro, das im ersten Jahr rund 166 Euro monatlich entspricht. Wer ein Angebot ohne Preisliste einholt, sollte es auf genau dieselbe Bezugsgröße bringen: Gesamtkosten über zwei Jahre geteilt durch die Zahl der verarbeiteten Belege.
Zwei Schwerpunkte, zwei Arten von Ersparnis
Die beiden Systeme setzen an unterschiedlichen Stellen der Kette an, und das entscheidet, welche Ersparnis überhaupt eintritt.
Wo viele Belege aufzuteilen sind, also Rechnungen mit mehreren Steuersätzen, mit Kostenstellen oder mit gemischten Sachverhalten, liegt der Aufwand bei der Kontierung. Ein System mit Schwerpunkt auf Splitbuchungen greift dort direkt an.
Wo viele Zahlungen nicht sauber zu Rechnungen passen, also Teilzahlungen, Skontoabzüge, Sammelüberweisungen und Mahngebühren, liegt der Aufwand bei der Klärung. Ein System mit Schwerpunkt auf der Auszifferung greift dort an.
Beide Engpässe kommen vor, selten in gleichem Maß. Welcher überwiegt, lässt sich mit einer Strichliste über einen Monat feststellen, getrennt nach Zeit für Kontierung und Zeit für Klärung offener Posten.
Was das Anlernen unterscheidet
Beide Anbieter werben damit, dass ihr System besser wird. Der Unterschied liegt darin, wer das steuert.
Ein Trainingsbereich erlaubt es, Zuordnungen und Regeln bewusst zu hinterlegen, unabhängig davon, ob gerade ein passender Beleg vorliegt. Das kostet Zeit und macht das Verhalten prüfbar. In Kanzleien, in denen eine erfahrene Person die Buchhaltung mehrerer Mandate verantwortet, trägt sich dieser Aufwand schnell.
Das Lernen aus laufenden Korrekturen verlangt keine zusätzliche Arbeit, ist dafür schwerer zu prüfen, weil nicht sichtbar wird, was gelernt wurde. In Kanzleien mit wechselnden Bearbeitern ist es der geringere Reibungspunkt, weil niemand zusätzliche Pflege übernehmen muss.
Für die Auswahl zählt weniger die Bauform als die Steigung: Wie stark sinkt die Zahl der Korrekturen zwischen dem ersten und dem dritten Monat. Wie sich das messen lässt, behandelt der Beitrag zum Messen der Automatisierungsquote.
Nachvollziehbarkeit und Verantwortung
Je selbstständiger ein System arbeitet, desto genauer gehört geregelt, was nachvollziehbar bleibt.
Drei Fragen gehören in beide Gespräche. Ist erkennbar, welche Buchung maschinell entstanden ist. Lässt sich ein Lauf zurücknehmen, wenn eine systematische Fehlzuordnung auffällt. Und bleibt protokolliert, auf welcher Grundlage eine Zuordnung erfolgte.
Bei einem Vorsystem ist die Antwort meist einfacher, weil der Übergabezeitpunkt eine natürliche Grenze bildet. Bei einem Agenten im Bestand gehört sie ausdrücklich geklärt. Die Verantwortung für die Richtigkeit liegt in beiden Fällen unverändert bei der Kanzlei, und die Anforderungen an Nachvollziehbarkeit gelten unabhängig davon, wer gebucht hat. Was daraus folgt, behandelt der Beitrag zu den GoBD-Grundsätzen.
Wo beide an dieselbe Grenze stoßen
Beide setzen voraus, dass Belege und Kontoumsätze verfügbar sind.
Wo Mandanten Unterlagen verspätet oder unvollständig liefern, verbessert keines der beiden Systeme den entscheidenden Teil. Der Aufwand für das Einsammeln, Sortieren und Nachfassen bleibt bestehen, und in vielen Kanzleien ist er größer als die Buchung.
Das ist kein Einwand gegen die Anbieter, sondern eine Frage des Zuschnitts. Wer diesen Teil lösen will, sucht zusätzlich ein Portal oder ein System, das Eingang und Verarbeitung verbindet.
Fragen für den Demotermin
Diese Fragen sind bei beiden dieselben und trennen die Antworten schnell.
Welche Sonderfälle laufen heute ohne Eingriff? Konkret: Skonto, Teilzahlung, Sammelzahlung, Fremdwährung, Mahngebühr, Reverse-Charge.
Wie viele Korrekturen sind im ersten und im dritten Monat zu erwarten? Wer keine Bandbreite nennt, hat es bei Bestandskunden nicht gemessen.
Was passiert bei einer Zahlung ohne Beleg und bei einem Beleg ohne Zahlung? Beides ist Alltag.
Welche Angaben braucht das System zum Start, und wer stellt sie bereit? Bankzugänge, Kontenrahmen und Lieferantenzuordnungen kosten Vorlaufzeit.
Wie sieht der Ausstieg aus? Belege, Zuordnungen und Historie müssen exportierbar sein.
Verwandte Gegenüberstellungen
Wer in derselben Auswahlsituation steht, betrachtet üblicherweise auch diese Beiträge:
Fazit
Finmatics passt zu Kanzleien mit hohem Belegvolumen, vielen aufteilungsbedürftigen Belegen und gemischter Systemlandschaft, insbesondere mit Bezug nach Österreich. Der veröffentlichte Preis macht die Vorauswahl einfach, das Onboarding und die Zusatzoptionen gehören in die Rechnung.
Tess passt zu reinen DATEV-Kanzleien, in denen niemand eine zweite Oberfläche lernen soll und in denen die Klärung offener Posten den größeren Zeitanteil ausmacht. Für die Vorauswahl ist ein Angebot nötig, weil keine Preisliste vorliegt.
Entschieden wird die Frage nicht an Funktionslisten, sondern an denselben echten Belegen und Zahlungen über mehrere Wochen, bei beiden Anbietern mit demselben Material.
Häufige Fragen
Was kosten die beiden?
Finmatics veröffentlicht eine Preisliste mit Paketen zwischen 750 und 1.200 Euro monatlich bei jährlicher Abrechnung, jeweils für 3.000 Buchungszeilen, zuzüglich Zusatzoptionen für Bankabgleich und Belegtransfer sowie einmalig 1.990 Euro Onboarding. Tess weist auf seiner Anbieterseite keine Preise aus, Stand August 2026.
Welches System passt bei Mandaten in Österreich?
Finmatics bindet laut Anbieter neben der DATEV auch BMD, Agenda, RZL, SAP und Microsoft Business Central an. Für Kanzleien mit Österreich-Bezug oder gemischter Systemlandschaft ist das der entscheidende Unterschied, weil die Auswahl an dieser Stelle im Markt klein wird.
Was bedeutet es, dass die Kanzlei im Zielsystem korrigiert?
Es entfällt die zweite Oberfläche, in der geprüft und freigegeben wird. Der Vorteil ist weniger Einarbeitung, der Preis ist, dass die Kontrolle im laufenden Bestand organisiert werden muss und die Kennzeichnung maschineller Buchungen an Bedeutung gewinnt.
Welche Rolle spielt der Trainingsbereich?
Ein eigener Trainingsbereich erlaubt es, Regeln und Zuordnungen bewusst zu pflegen, statt nur aus laufenden Korrekturen zu lernen. Das kostet Zeit und macht das Verhalten nachvollziehbarer, was besonders dort zählt, wo eine erfahrene Fachkraft ihr Wissen einmal hinterlegen will.
Wie vergleicht man beide seriös?
Mit denselben echten Belegen und Zahlungen aus mehreren Mandaten über mindestens vier Wochen. Gemessen werden die Zahl der Buchungen ohne Korrektur, die Zahl der danach noch offenen Posten und die Zeit für die Klärung.
Quellen und Stand
Preisangaben laut Preisliste des Anbieters, Abruf Juli 2026. Übrige Angaben laut Anbieter, Stand August 2026.
Weitere Vergleiche
Die besten Finmatics-Alternativen für Steuerkanzleien
Welche Systeme zur automatischen Belegkontierung neben Finmatics in Frage kommen, wie sich die Preismodelle unterscheiden und wofür sie jeweils taugen.
Tabula oder Tess: Vorsystem gegen Buchhaltungsagent
Wo Tabula die Belegstrecke bis zur DATEV abdeckt, wo Tess im Bestand mitarbeitet und offene Posten ausziffert, und für welche Kanzlei welche Bauform passt.
Die besten Tess-Alternativen für Steuerkanzleien
Welche Systeme zur automatisierten Buchhaltung neben Tess in Frage kommen, worin sich Agenten-Ansatz und klassisches Vorsystem unterscheiden und wofür sie taugen.